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Wenn Konzepte zu Maßnahmen werden und was der Einzelne dagegen tun kann

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Stellungnahme und Gedanken eines Mitbürgers zur Vorstellung des "Verkehrskonzept Klosterneuburg" am 18. 6. 2008.

Eigentlich geht es uns allen gut. So sagt man zumindest. Aber dass das so ist, verwundert mich immer mehr. Vor allem frage ich mich, ob es nicht ein Ablaufdatum gibt.

Bei der letzten Veranstaltung unserer Stadtgemeinde wurde, da Teile unserer Stadt angeblich im Autoverkehr ersticken, interessierten Bürgern ein neues Verkehrskonzept präsentiert. Im Podium verkündeten die Granden unserer Stadt wohlwollend, dass das Vorgestellte keine beschlossene Sache sei, sondern Anregungen gerne angenommen werden, ja, sogar erwünscht seien. Anschließend wurden vom Planer diverse Bilder von Zahlenspielereien, Einbahnregelungen, Kreisverkehren, Ampelanlagen und Verkehrsinseln an die Wand projiziert und erläutert.

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Karikatur der bestehenden und geplanten Straßenzüge in und um Klosterneuburg

In der anschließenden Diskussion kommt gleich zu Anfang der berechtigte Einwurf zweier Rettungsfahrer, dass der durch Verkehrsinseln entfallende Busstreifen zur Behinderung von Einsatzfahrzeugen führen wird. Die Kompetenz dieser Leute ist wohl kaum in Frage zu stellen, benützen diese ja die Busspur tagtäglich für ihre Einsatzfahrten. Dennoch wird es getan: Die Planer betonen, dass dies ja in anderen Städten auch kein Problem sei, also wird es hier ja wohl auch keines geben. Frustration seitens der Rettungsfahrer, Beifall aus dem Plenum. Der Bürgermeister meldet sich zu Wort: Beifall ist hier nicht erwünscht, man solle doch sachlich bleiben und die Diskussion nicht stören. Nach mehreren Wortmeldungen dann die entscheidende Frage eines Mitbürgers: Wo wurden in diesem Konzept denn Ziele definiert? Wo gibt es so etwas wie eine Kosten- Nutzenrechnung, und warum alles in der Welt wird das Auto und nicht der Mensch in den Mittelpunkt der Planungen gestellt? Also, um es auf den Punkt zu bringen: Wo ist das Konzept im „Verkehrskonzept“? Die Antwort der Planer: Was hier vorgestellt wird, ist kein Konzept, es ist ein „Maßnahmenkatalog“, etwas anderes wurde auch nicht beauftragt.

So sitze ich im Saal, höre mir das alles an und denke mir: Aha, es gibt also kein Konzept, ja, es gab nicht einmal eines. Ich höre, dass das erste und letzte echte Konzept über 20 Jahre alt ist, kaum etwas davon umgesetzt wurde und andere Konzepte, die in Auftrag gegeben wurden, in Schubladen verstauben. Aber andererseits hat sich die Stadt grundlegend verändert, eine Umfahrung um etwa 70 Millionen Euro wird gebaut, unwiederbringlicher Auwald wurde dafür geopfert, riesige Wohnbauten errichtet, Einkaufszentren entstehen, Tunnel und Brücken sind geplant, kurzum, meine Heimatstadt hat sich in den letzten 15 Jahren etwa so stark verändert, wie in den letzten 100 Jahre davor, was weder mich noch kaum irgendeinen Einwohner erfreut. Und für alles das gibt es bloß Regulative, aber keinen grundlegenden Plan?

Paradox daran ist, dass dies jedermann als Fehlentwicklung erkennt. Jedermann weiß, dass der übermäßige Autoverkehr zu Lärm, Gestank, Stress und letztlich einer Verminderung der Lebensqualität führt. Jedermann weiß, dass Zersiedelung und Straßenbau die Natur zurückdrängen, Naherholungsgebiete zerstören und den Menschen genau das nehmen, was das Leben in unserer Stadt so lebenswert macht. Dennoch wird es recht kommentarlos hingenommen.

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Natürlich weiß auch die Stadtregierung um diese Dinge. Aber anstatt zu agieren, reagiert sie nur, setzt Maßnahmen, anstatt Konzepte zu erstellen und umzusetzen. Und ich frage mich: Warum ist das so? Liegt es an der Kurzsichtigkeit und Bornhiertheit der Gemeindepolitiker? Oder daran, dass es aufgrund einer sich selbst behindernden Bürokratie zu einer Handlungsunfähigkeit kommt? Oder ist es der Populismus, dessen Scheinlösungen den gewünschten politischen Erfolg bringen?

Je länger ich der Diskussion zuhöre, desto sicherer werde ich: Es ist die Unbewusstheit und Dumpfheit der Masse, die unaufhörlich die Geister ruft, die sie anschließend selbst bedrohen. So schimpft eine Bürgerin über die Schnellfahrer in ihrer Wohnstraße und bittet um Bestrafung dieser Unmenschen, nicht erkennend, dass sie selbst Teil dieses Autostromes ist. Andere ergießen sich über Sinn und Unsinn von Kreisverkehren, wieder andere sorgen sich um Einbahnen und Ampeln. Zu diesem Zeitpunkt erinnert mich die Versammlung an ein Treffen der anonymen Alkoholiker, bei dem jedoch nur besprochen wird, ob man Bier oder Wein vorziehen sollte.

Der Bürgermeister sitzt schweigend am Podium und lässt die Schmierenkomödie ablaufen, die sich ähnlich einer Bruegelschen Szenerie anmutet. Er scheint zu denken: „Ich kenne meine Bürger, ich weiß, jeder ist sich selbst der Nächste. Während ich schweige, kommt es zum üblichen basisdemokratischen Zerwürfnis, und wenn alle müde genug sind, werde ich die Entscheidungen fällen, die mir und meiner Partei nützen.“ So verkommt Demokratie zu Panem et Circenses.

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Pieter Bruegel - Der Bauerntanz oder Kirchweih, um 1568

Was wir jedoch trotz allen Ärgers über die Machthaber nur allzu gerne übersehen ist, dass diese selbst nicht viel mehr als ein Rädchen in einem System sind, selbst nur eine Marionette in einem Spiel, in dem es keinen Spieler zu geben scheint, da es nur noch das System selbst gibt, das die Regeln vorgibt. Und genau das scheint auch der Grund zu sein, warum immer nur Maßnahmen beschlossen, aber nie lösungsorientierte Konzepte umgesetzt werden: Einfach, weil ein System immer bestrebt ist, sich selbst zu erhalten, und weil eine Veränderung des Systems aus sich heraus nicht möglich ist, da ihm die rettende Perspektive fehlt, etwa so, wie Ameisen auf einem Möbiusband, deren Erkennen nicht in die dritte Dimension reicht.

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Escher - Moebius Strip II, 1963

Das Fatale daran aber ist, dass die Systemprozesse aufgrund der systemimmanenten Schwächen anstatt in einem Kreislauf in einer sich beschleunigenden Spiralbewegung ablaufen und es irgendwann zur Implosion kommen muss, kürzer gesagt: Irgendwann kommt es zum großen Krach. Die Frage ist nur, ob dies zwingend so sein muss. Die Hypothese, dass sich der Mensch als Individuum nur in der Not verändert, mag großteils zutreffen, aber trifft dies auch zwingend auf ein ganzes Gesellschaftssystem zu? Ist der Mensch nicht in der Lage, Gesellschaftssysteme nachhaltig zu verändern, bevor es einen Zusammenbruch gibt?

Ich persönlich will dies nicht glauben. Was ist also zu tun? Im Zusehen wird die Lösung nicht liegen – zumal schon deshalb, weil die Ignoranz einer einmal gemachten Erkenntnis einer Selbstverletzung gleichkommt und auf Dauer unerträglich ist. Eine fortwährende Ermahnung seiner Mitmenschen kann es ebenso wenig sein, da dies über kurz oder lang als Belästigung und Überheblichkeit empfunden wird. Und ein Rückschritt in alte Werte wird es auch nicht sein, da ein solches Verhalten anachronistisch ist und man sich selbst allzu leicht zum Spinner degradiert.

Ich denke, der einzig gangbare Weg liegt in einem fortwährenden persönlichen Gnōthi seauton ("Erkenne dich selbst") und einem Fortschritt, den man selbst zum Ausdruck bringt, denn der Mensch hat im Vergleich zur Escher'schen Ameise die seltene Gabe, aus seiner Bahn ausbrechen zu können. Indem nun jemand etwas aktiv in seinem Leben verändert, zwingt er seinen Mitmenschen ebenso zur Veränderung. Und so führt persönliche Veränderung zwangsweise zur kollektiven Realität.

Dabei gilt es aber aufzupassen, eine derzeitige Entwicklung zu erkennen: Da nämlich die neuzeitlich-rationale Gesellschaft Jahrtausende alte Bewusstseinsinhalte verdrängt hat, schaffen sich diese nun wieder ihren Raum. So scheint es, dass die verbrannte Erde auf Rache sinnt und deshalb besänftigt werden will. Diese notwendigerweise stattfindenden psychischen Umwälzungen äußern sich in einem kollektiven schlechten Gewissen, dessen Ausprägung beispielsweise die derzeitige Klimahysterie ist, die die Antwort der Gesellschaft auf die derzeit stattfindende Erderwärmung ist und so manche Blüten treibt.

Und so wie vor Jahrhunderten den Göttern Stiere und Schafe geopfert wurden, begegnet der Einzelne diesem Dilemma ähnlich, nur opfert er heute Dinge im übertragenen Sinn, wie beispielsweise seine Bequemlichkeit, indem er mit dem Fahrrad fährt, sein Geld, indem er Bioprodukte kauft und seine Zeit, indem er brav den Müll trennt.

Wenngleich auch diese Handlungen nicht als grundsätzlich schlecht zu bewerten sind, so ändert dies wenig an der Unbewusstheit des Einzelnen und vor allem nichts daran, dass die Masse weiterhin um ein goldenes Kalb tanzt.

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Nicolas Poussin - Der Tanz um das goldene Kalb, 1635

Wenn man den braven Bürger dann fragt, was er für die Umwelt tut, kommt die Antwort: „Also ich trenne immer den Müll“, was natürlich wenig daran ändert, dass die Müllberge stetig weiter wachsen und so das, was man zur Vordertür hinausschickt, wieder bei der Hintertüre hereinkommt. Das zeigt, dass Opfer zwar ein besseres Gewissen mit einem damit verbundenen Wohlgefühl bringen, aber an der Gesamtsituation wenig ändern. Somit nützt es auch wenig, wenn „Umweltschützer“ eine vermehrte Opferbereitschaft fordern.

Stattdessen gilt es, gewisse Handlungen als Opfer zu erkennen und diese durch eine nachhaltige Veränderung zu ersetzen. Denn wenn ich im Einklang mit einer Sache handle, muss ich dieser auch keine Opfer bringen. Und so verschwindet auch das schlechte Gewissen, was mir im Gegenzug persönliche Freiheit schenkt und den Blick auf neue Perspektiven eröffnet. Wenn wir diese Freiheit zum Ausdruck bringen, dann sind immer Menschen um uns gewillt, von uns etwas anzunehmen, nämlich um selbst diese ihnen sichtbare Freiheit zu erlangen.

Um nun auf das Ausgangsthema Verkehrsveranstaltung zurückzukommen – die Frage nach dem Konzept im „Verkehrskonzept“ war wohl einer der wenigen Lichtblicke an diesem Abend, weil sie vielleicht dem einen oder anderen ermöglicht hat, aus seiner Dumpfheit auszusteigen und ein größeres Bild zu sehen, als das, was er sonst immer vor Augen hat. Und je freier eine solche Frage von Ärger, Frust und Vorwurf ist, desto fruchtbarer wird der Boden sein, auf den sie fällt.

Wir werden in den nächsten Jahren sehen, ob es gelingt, den Menschen anstatt eines sterbenden Systems in den Mittelpunkt zu stellen. Eines aber ist gewiss: Jeder ist gefordert. Und zwar ganz persönlich.

(Name der Redaktion bekannt)


Last modified 2008-07-02 12:07 PM
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